OFFENER BRIEF Update – Kein Abriss des ehemaligen HASAG-Gebäudes in Taucha!

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Vorwort zu den Änderungen am Offenen Brief

Nach aktuellem Stand der Forschung handelte es sich bei dem ehemaligen HASAG-Gebäude in der Graßdorfer Str. 13 nicht um das zentrale Verwaltungsgebäude des Tauchaer HASAG-Werkes. Historische Pläne und anderer Quellen legen nahe, dass es sich um die Betriebsküche und das „Gefolgschaftshaus“ des Betriebes handelte. Wir haben den Offenen Brief zum Erhalt des Gebäudes an die neuen Erkenntnisse entsprechend angepasst.

Wir hatten uns bei der Bezeichnung des Gebäudes als Verwaltungsgebäude auf die bis dahin veröffentlichten Informationen zum Gebäude gestützt. Da viele Unterlagen im Angesicht der zu erwartenden Niederlage kurz vor Kriegsende systematisch vernichtet wurden und eine ausführliche Forschung zur lokalen NS-Geschichte in Taucha bisher nicht vorliegt, bleibt die Spurensuche mühsam. Somit kann auch nicht ausgeschlossen werden, dass sich mit der Erschließung weiterer Quellen auch der Wissensstand zum konkreten Gebäude erweitern wird und aktuelle Erkenntnisse ggf. verworfen werden müssen.

Wir haben alle Unterstützer:innen und unterstützenden Organisationen von den inhaltlichen Änderungen in Kenntnis gesetzt und gebeten sich zu melden, falls diese ihre Unterstützung zurückziehen möchten. Es gab bisher ausschließlich positive Resonanz bzgl. der neuen Erkenntnisse durch die Forschung, welche durch den Offenen Brief mitinitiiert wurde. Vielen Dank an Martin Clemens Winter für die zügige und ansprechende Veröffentlichung zum aktuellen Forschungsstand. Weitere Informationen zum Forschungsprojekt sind hier zu finden: https://hasagpuzzle.hypotheses.org/

Es ist durchaus üblich, dass vor allem kleine Initiativen dazu beitragen, dass die historischen Orte mit einer besonderen Vergangenheit im Nationalsozialismus ins Licht der Öffentlichkeit geraten, neue Forschungen anstoßen oder letztere sogar selbst betreiben. Auch in Taucha haben vor allem engagierte ehrenamtliche „Geschichtsforscher:innen“ dazu beigetragen, dass die nationalsozialistische Vergangenheit Tauchas nicht in Vergessenheit geriet und viel Wissen und Material zusammengetragen.

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Offener Brief von SAfT e.V. / aktualisierte & geänderte Version vom 30.11.2021

Kein Abriss des ehemaligen HASAG-Gebäudes in Taucha!

Der aktuell als Ärzt:innenhaus genutzte Klinkerbau mit der Adresse Graßdorfer Straße 13 soll perspektivisch abgerissen werden. Der städtische Unternehmensverbund WOTa will unweit ein neues Gebäude für Arztpraxen und andere gesundheitsbezogene Angebote errichten1. Der Tauchaer Stadtrat hatte am 17.06.2021 dazu einen Aufstellungsbeschluss2 und am 14.10.2021 die Auslegung des Bebauungsplans beschlossen3.

Historische Bedeutung

Das Gebäude in der Graßdorfer Straße wurde nach derzeitigen Erkenntnissen etwa 1940 als „Gefolgschaftshaus“, inklusive der Betriebsküche, des ersten Tauchaer Werkes der Hugo Schneider Aktiengesellschaft (kurz HASAG) errichtet4. Die HASAG avancierte während des Nationalsozialismus vom Lampenhersteller zu einem großen Produktionsbetrieb für Waffen und andere Rüstungsgüter. Ihr Hauptsitz befand sich auf dem Gelände des heutigen Helmholtz-Zentrums für Umweltforschung in Leipzig. Die HASAG war eng verflochten mit dem NS-Apparat und wurde sogar zum nationalsozialistischen Vorzeigebetrieb. In Taucha übte die HASAG Druck auf die Stadtverwaltung aus, um die „Arisierung“ des Grundstückes zu erreichen, auf dem später das zweite Tauchaer HASAG-Werk, wenn auch nur für kurze Zeit, in Betrieb genommen wurde5.

In Taucha beschäftigte sie tausende Zwangsarbeiter:innen, darunter Kriegsgefangene, sogenannte „zivile Zwangsarbeiter:innen“ und KZ-Inhaftierte. Auf dem Gelände der heutigen Matthias-Erzberger-Str. 3 übernahm die HASAG im September 1944 ein Barackenlager der Mitteldeutschen Motorenwerke (kurz MIMO). Das Gelände wurde zur Außenstelle des Konzentrationslagers Buchenwald. Die ersten Transporte aus anderen KZ-Standorten trafen 07.09.1944 ein. Mehrere tausend Jüdinnen und Juden, Sinti und Roma, politisch Inhaftierte und andere Verfolgte wurden dort in menschenunwürdigen Verhältnissen untergebracht. Die Lebens- und Arbeitsbedingungen und die Tage der Befreiung durch die US-Streitkräfte hat unter anderen Ruth Elias in ihrer Biographie5 eindrücklich geschildert.

Zu DDR-Zeiten wurde das vom Abriss bedrohte Gebäude als Poliklinik genutzt. Benannt war die Poliklinik nach Dr. Margarete Blank, welche 1944 von den Nazis verhaftet und am 08.02.1945 ermordet wurde. Die Ärztin mit ihrer Praxis in Panitzsch half illegal bei der medizinischen Versorgung der Zwangsarbeiter:innen in Taucha6.

Das HASAG-Gebäude ist ein authentischer Ort in zentraler Lage, anders als etwa das inzwischen denkmalgeschützte ehemalige Verwaltungsgebäude der MIMO mitten im Wald am Rand der Stadt. Im Gegensatz zum Mahnmal und den Stelen am Schöppenteich oder der angedachten Stolperschwelle verweist die Bausubstanz des Gebäudes in der Graßdorfer Straße 13 nicht lediglich auf andere Orte, sondern stellt an sich ein authentisches, materielles Zeugnis dar, welches Auskunft über die Geschichte geben kann. Es ist ein Ort, an dem die nationalsozialistische Vergemeinschaftung der Arbeiter:innen aufgrund antisemitischer und rassistischer Kategorisierungen praktiziert wurde. Auf einem historischen Foto ist zu sehen, dass an der Gebäudefassade des ehemaligen „Gefolgschaftshauses“ die Parole “Durch totalen Arbeitseinsatz zum totalen Sieg über den Bolschewismus” auf einem Schild angebracht war7. Auch dies spricht für eine zentrale, auch ideologische Funktion des Gebäudes im Kontext des gesamten HASAG-Werkes. Für beide erhaltene Gebäude der großen Rüstungsbetriebe, die Tauchas Entwicklung maßgeblich bestimmten, scheint die Zukunft nun ungewiss. Das HASAG-Gebäude soll abgerissen werden. Das MIMO-Gebäude wird offensichtlich weiterhin dem Verfall überlassen.

Die letzte erhaltene Unterkunftsbaracke in der Cradefelder Dorfstr. 10 wurde 2005 trotz Denkmalschutzes abgerissen. Andere authentische Orte mit so engem Bezug, so zentraler Bedeutung und Lage sind in Taucha nicht erhalten. Ein Erhalt ist aus unserer Sicht aufgrund der historischen Bedeutung des Gebäudes dringend geboten.

Ressourcen schonen

Architekt:innen und Nachhaltigkeitsexpert:innen sprechen sich zudem zunehmend auch aus Gründen des Klima- und Ressourcenschutz für einen Erhalt, bzw. für die Umgestaltung alter Bausubstanz ein. Die sogenannte „graue Energie“ – also die in Bestandsgebäuden bereits investierten Ressourcen wie z.B Zement, Kies, Sand sowie die verbrauchte Energie für die Herstellung und Aufbereitung – soll nicht verschwendet werden. Hinzu käme noch Aufwand und Energie für Abriss und Entsorgung. Auch aus ökologischen und wirtschaftlichen Gründen muss einem Abriss also kritisch gegenüber gestanden werden.

Mit dem Erhalt des Gebäudes in der Graßdorfer Straße hätte die Stadt Taucha demnach die Chance, einen Beitrag zur ökologisch sinnvollen Nutzung vorhandener Ressourcen zu leisten. Zusätzlich kann dadurch ein bedeutsamer Ort der jüngeren Geschichte zukünftigen Generationen zugänglich gemacht und eine lebendige Erinnerungskultur in Taucha etabliert werden.

Das Argument der WOTa, durch den Abriss des Gebäudes eine Fläche für benötigte Parkplätze zu gewinnen, ist nicht überzeugend. Auf dem beplanten Grundstück sind ausreichend Alternativflächen für Parkplätze vorhanden. Bei einer Umnutzung oder Erweiterung des Bestandsgebäudes bräuchte man evtl. gar keine zusätzlichen Parkplätze. Viel bedeutsamer wäre im Sinne einer Gesundheitsversorgung für alle und der erwünschten Reduktion des belastenden PKW-Verkehrs stattdessen eine barrierefreie Anbindung der Gesundheitsinfrastruktur an den ÖPNV.

Eine Alternative zum Abriss

Taucha braucht einen festen Ort für Soziokultur, zivilgesellschaftliche Initiativen und Vereine. Dieser kann nicht nur zur Vitalisierung des kulturellen und sozialen Lebens in der Kleinstadt beitragen, sondern auch die „Abhängigkeit“ vom Leipziger Kulturangebot verringern. Taucha muss mehr sein als eine Schlafstadt im Speckgürtel von Leipzig!

Die aktuellen Problemlagen mit dem Erstarken antidemokratischer Einstellungen müssen ernst genommen werden. Demokratie vor Ort leben heißt Beteiligung ermöglichen, Platz bieten für eine offene Gesellschaft, für kritische Auseinandersetzung und vielfältige Begegnungen. So verlangt auch der aktuelle Koalitionsvertrag in Sachsen nach solchen Orten der demokratischen Erneuerung gerade im ländlichen Raum. Der Runde Tisch Taucha kam in seinem Positionspapier „Ein solidarisches und demokratisches Gemeinwesen gestalten“ ebenso zu dem Schluss, dass ein Ort der demokratischen Zivilgesellschaft in Taucha dringend nötig ist. Verschiedene Vereine und Initiativen, wie sie in den letzten Jahren in und um Taucha zahlreich entstanden sind, Beratungs- und Kulturangebote können dort Platz finden.

Da sich das Gebäude in der Graßdorfer Straße 13 im Gegensatz zum MIMO-Gebäude in kommunalem Besitz befindet, sind auch die politischen Einfluss- und Gestaltungsmöglichkeiten der Kommune größer. Mögliche Nachnutzungen sollten geprüft und ggf. sogar gemeinsam mit verschiedenen Akteur:innen erarbeitet werden. Wir sehen Taucha hier in der Pflicht und Verantwortung, das Gebäude als solches zu erhalten und somit eine lebendige Erinnerungs- und Gedenkkultur zu ermöglichen.

Wir fordern: Kein Abriss der Graßdorfer Str. 13!

Wir schlagen des Weiteren vor, an oder in dem Gebäude eine Tafel zu installieren, auf welcher über die Geschichte des Gebäudes im Kontext der NS-Rüstungsindustrie informiert wird. Außerdem möchten wir eine dauerhafte Ausstellung in Taucha anregen, welche sich mit der Entwicklung der Stadt im Nationalsozialismus auseinandersetzt.

SAfT e.V. – Solidarische Alternativen für Taucha / Graßdorfer Str. 13 / 04425 Taucha / info@saft-taucha.org

Transparenzhinweis: SAfT e.V. mietet aktuell im Objekt einen 15m² großen Raum als Postanschrift, Büro und Abstellort.

Fußnoten

1https://www.wota-online.de/projekte/aerztezentrum/projektuebersicht/

2https://taucha.de/aktuelle-mitteilungen/news/beschluesse-der-23-stadtratssitzung.html

3https://taucha.de/aktuelle-mitteilungen/news/tagesordnung-fuer-die-26-stadtratssitzung.html

4https://hasagpuzzle.hypotheses.org/753

5Elias, Ruth (1988): Die Hoffnung erhielt mich am Leben – Mein Weg von Theresienstadt und Auschwitz nach Israel. Piper.

6http://margarete-blank-gedenkstaette.com/?page_id=27

7https://hasagpuzzle.hypotheses.org/650

Unterstützende Organisationen

Aktives Museum e.V. (Berlin)

AKuBiZ e.V. (Pirna)

Bon Courage e.V. (Borna)

Dr. Margarete Blank Gedenkstätte Panitzsch e.V.

Erich-Zeigner-Haus e.V. (Leipzig)

Flexibles Jugendmanagement Landkreis Leipzig

Förderverein für Jugendkultur- und Zwischenmenschlichkeit e.V.

Förderverein Gedenkstätte Ehrenhain Zeithain e. V.

Gedenkstätte für Zwangsarbeit Leipzig / Erinnern an NS-Verbrechen in Leipzig e.V.

Gesicht zeigen – Netzwerk für demokratisches Handeln (Penig)

Hanse 3 e.V. (Dresden)

Heimatverein Taucha e.V.

Naschkatze Taucha

Netzwerk für Demokratische Kultur e.V. (Wurzen)

Kinder- und Jugendring Landkreis Leipzig

Klima-Initiative Taucha

kunZstoffe – urbane Ideenwerkstatt e.V. (Leipzig)

Lixer e.V. (Leipzig)

sLAG – sächsische Landesarbeitsgemeinschaft Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus

VVN-BdA Sachsen

VVN-BdA Leipzig

Unterstützende Einzelpersonen

Anke Binnewerg (Denkmalpflegerin / Bildende Künstlerin, Tharandt)

Carola Ilian (Denkmalpflegerin / Stadt-und Regionalplanerin, Dresden)

Dr. Martin Clemens Winter, Wissenschaftlicher Mitarbeiter / Alfred Landecker Lecturer am Historischen Seminar der Universität Leipzig
Forschungsprojekt zu Unternehmenskultur, Zwangsarbeit und Judenmord beim Leipziger Rüstungskonzern HASAG

Jens Nagel, Leiter der Gedenkstätte Ehrenhain Zeithain

PD Dr. Nils M. Franke, Wissenschaftliches Büro Leipzig

Prof. Dr. Christiane Salge, Technische Universität Darmstadt, Fachgebiet Architektur- und Kunstgeschichte

Prof. Dr. Eva v. Engelberg, Universität Siegen, Lehrgebiet Architekturgeschichte

Prof. Dr. Heike Oevermann, Denkmalpflege / Heritage Sciences (Vertretungsprofessur)
Institut für Archäologische Wissenschaften, Denkmalwissenschaften und Kunstgeschichte (IADK) Otto-Friedrich-Universität Bamberg

Prof. Dr. Jens-Christian Wagner, Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora

PD. Dr. phil Meinrad v. Engelberg, Kunsthistoriker (Wiesbaden)

Tobias Schwabe, Ehrenamtlicher Beauftragter für Denkmalpflege für den Landkreis Nordsachsen

Neufassung vom 30.11.2021 (letzte Aktualisierung der Unterstützer:innenliste: 30.11.2021)

Hier noch Links zum Thema, die wir empfehlen:

„…ein kleines, schönes Gefolgschaftshaus“. Die HASAG in Taucha (II) / Martin Clemens Winter 25.11.2021

„…ein kleines, schönes Gefolgschaftshaus“. Die HASAG in Taucha (II)

Antisemitismus – „Arisierung“ – Abriss?  Die HASAG in Taucha / Martin Clemens Winter 27.10.2021

Antisemitismus – “Arisierung” – Abriss? Die HASAG in Taucha

Taucha bekommt neues Ärztehaus – Offener Brief gegen Abriss des Bestandsbaus / TAUCHA KOMPAKT Daniel Große 18.10.2021

Taucha bekommt neues Ärztehaus – Offener Brief gegen Abriss des Bestandsbaus

Zwangsarbeit in der Rüstungsindustrie: die HASAG – Leipzigs vergessene Waffenschmiede / MDR 23.02.2021 https://www.mdr.de/entdecke/hasag-ruestungsunternehmen-leipzig-132.html